Bankersterben

Er hatte alles kalkuliert, minutiös, wie er das immer tat. Es würde reibungslos klappen, todsicher sozusagen. Und es würde keine verwertbaren Spuren geben. Schon, weil niemand auf die Idee käme, danach zu suchen.

»Übermorgen bist du Geschichte, Mike Gardener, und ich dein Nachfolger«, zischelte Alex Mellows und fixierte sein Spiegelbild im Bad. Einen attraktiven Typen um die Dreißig reflektierte ihm das indirekt beleuchtete Kristallglas. Die Lippen etwas verkniffen, in den Augen ein leichtes Flackern. Aber ansonsten tiptop.

Er machte eine Halsabschneidergeste: »Exitus.« Mit einem maliziösen Lächeln löschte er das Licht.

 

»Tiptop« war das Lieblingswort seines Vaters gewesen. Tiptop, so hatte der linkische, verschüchterte Junge zu sein. Tiptop, um vor dem kritischen Blick des Erzeugers überhaupt Gnade zu finden. Eine übermenschliche Aufgabe. Denn der Sohn hatte in den Augen des Vaters einen schweren Makel: Er war krank. Unheilbar. Ein Schwächling, der sich lebenslang Insulin spritzen musste. Das passte nicht in die von Perfektionismus geprägte Lebenssicht des Kleinstadt-Fillialleiters der Midland Bank in Wolverhampton. Er wollte einen Sohn, den er nach seinem Bilde formen konnte: hart, sparsam und zielstrebig. Doch dieser Sohn ließ sich nicht formen. Er war verwöhnt, nachgiebig und gefühlvoll. Ganz wie seine melancholische Mutter. Die machte der wohl angesehene Bank-Direktor sich hinter verschlossenen Schlafzimmertüren mit Gewalt gefügig. Bis sie Tabletten schluckte. Zu schwach! Sie taugte nichts, lautete sein Urteil. Den Jungen strafte der Vater fortan mit Kälte und Zynismus. Dann kam der Tag, an dem der ach so weichliche Junge sich auflehnte, in einer entschlossenen, kaltblütigen Tat. Das Ableben von Alex Mellows senior verlief tatsächlich tiptop.

 

Alex Mellows junior war damals gerade sechzehn geworden. Erschien er bis dahin zu klein und zu zart für sein Alter, so holte sein Körper plötzlich auf. Er wuchs um fast zwanzig Zentimeter, wurde muskulös, behaart – und arrogant.  Nie mehr schwach sein, lautete von da an seine geheime Maxime. Nie mehr als »Angsthase« verlacht werden, als einer, der immer den Kürzeren zog. In punkto Intelligenz steckte er ohnehin alle anderen in die Tasche. Nur, ihn »Streber« zu nennen, traute sich von nun an keiner mehr. Kometenhaft zog Mellows an seinen Mitschülern vorbei, College-Abschluss mit Auszeichnung Business-Studium in Cambridge, Master of Business Administration. Und schließlich eines der führenden Investmentinstitute mitten in London. Endlich hatte er den Kleinstadtmief der Midlands abgestreift. Endlich konnte er aller Welt beweisen, was in ihm steckte. Doch als »Cityboy«, der mit gewagten Spekulationen und Derivaten börsennotierte Unternehmen in den Ruin trieb (bei gleichzeitiger Gewinnmaximierung seinerseits, versteht sich), wollte er nicht stehen bleiben. Er war zum wahren Global Player geboren: New York, Tokio, Internationaler Währungsfonds … Die Erotik der Macht und des Geldes hatte ihn in ihren Bann geschlagen. Und deshalb musste Mike Gardener weg. Der Mann stand ihm und seinem Aufstieg im Wege. Und er hatte regelmäßig Anflüge von Skrupeln. Das ging gar nicht.

 

Es war ganz einfach. Gardener zelebrierte einen gepflegten Alkoholismus gepaart mit Kokainkonsum als Alleinstellungsmerkmal und schmiss regelmäßig  exklusive Kokspartys, garniert mit Edel-Callgirls, in seinem Penthouse-Apartment.

»Herein, wenn’s kein Kleinanleger ist«, begrüßte er Mellows und lachte sein glucksendes Sopranlachen. Den Spruch brachte er jedes Mal. Und jedes Mal dieses alberne Lachen.

»Und? Wie geht’s heute so?«, fragte Gardener dann, klopfte Mellows kumpelhaft auf die Schulter und fuhr ohne eine Antwort abzuwarten fort: »Abschaum schwimmt immer oben, was?«

Wieder dieses Lachen. Der Mann war ein Brechmittel.

 

Da Gardener schon einiges intus hatte, würde es nicht lange dauern, bis er in seinen weinerlichen Moralmodus schaltete. Die Gelegenheit für Mellows. Er trug die nötigen Utensilien unauffällig in den Jacketttaschen, links seine alte Spritze, rechts die Ampullen. Niemand in seinem Zirkel ahnte auch nur, dass er Diabetiker war. Seine zigarettenschachtelgroße Hightech-Pumpe mit Zuckersensor versorgte ihn per Minikatheder zuverlässig mit Insulin. Eventuelle Extra-Blutzuckermessungen erledigte er diskret auf der Herrentoilette. Er hatte alles im Griff. Allgemein galt er als Exot, der wöchentlich 10 Meilen joggte, nicht rauchte, nicht trank und schrecklich gesund aß.

 

Als Gardener zu torkeln begann, führte Mellows ihn fürsorglich ins Bad. Die Insulin-Dosis mit geübtem Schwung in den Oberarm gerammt. Für einen Gesunden war sie tödlich, sofern der Betreffende nicht rechtzeitig Hilfe bekam. Aber das ließ sich ja verhindern. Unauffällig die Tür abschließen und unbeobachtet vom zugedröhnten Mob das Penthouse verlassen. Fertig. Genau so hatte er es bei seinem Vater gemacht, als der seinen Mittagsschlaf hielt. Die Fensterläden geschlossen, ihm seine Spritze in den Oberschenkel gedrückt, ehe der Erwachende sich berappeln konnte. Raus, abschließen und weg zu Freunden. Nach zwei Tagen fand der – völlig niedergeschmetterte – Sohn den verblichenen Vater auf dem Wohnzimmerfußboden. Der betagte Hausarzt tippte auf Schlaganfall.

»Hatter wieder mal seine Hochdruck-Pillen nich genommen«, seufzte er kopfschüttelnd und stellte den Totenschein aus.

 

Gardener wurde am darauf folgenden Spätnachmittag von seiner Putzfrau gefunden. Tödlicher Alkohol-Drogenmix, hieß es im Polizeibericht, eine plausible Einschätzung aufgrund etlicher Kokskonsum-Spuren in sämtlichen Räumen.

Hat dem Druck nicht länger standgehalten, raunten die Banker. Mellows sorgte dafür, dass die Presse außen vor blieb. Bloß kein Skandal. Der Dank der Manager ließ nicht lange auf sich warten.

 

… … … 

aus: „Stille Wasser sind tödlich“

 

© Swantje Naumann 2014