… und noch’n Text

Mein Prinz vom anderen Stern

„Möchten Sie noch’n Kaffee?“ Die Kellnerin räumte die leere Tasse ab. Ich verneinte. „Aber vielleicht ein Wasser…“

„Ohne?“ fragte sie.

Ich nickte. Dann blätterte ich weiter in meinen Unterlagen. Bis übermorgen musste ich eine technische Spezifikation aus dem Bereich Schiffbau für die Janssen & Fuchs-Werft ins Deutsche übersetzen. Der Text kam aus Japan und war in ausgesprochen schlechtem Englisch verfasst. Meistens konnte ich nur raten, was da gemeint war. Die Kellnerin des kleinen Cafés bei mir um die Ecke hatte inzwischen ein stilles Wasser vor mich hingestellt.

„Darf ich Sie zu diesem Wasser einladen?“ fragte jemand hinter mir. Ich drehte mich um. Da saß ein junger Mann an einem Einzeltischchen und schaute mich an. Er stand auf, verbeugte sich und setzte sich wieder. Merkwürdig. Mir fiel auf, dass sein Gesicht so ebenmäßige, glatte Züge zeigte, dass es schon fast künstlich wirkte. Seine blonden Haare saßen perfekt, ebenso seine Kleidung.

„Danke,“ sagte ich, „das ist nett von Ihnen, aber…“

„Ich wollte nur höflich sein, um mit Ihnen ins Gespräch zu kommen,“ warf er artig ein.

„Ich habe keine Zeit für ein Gespräch,“ antwortete ich knapp und wandte mich wieder meiner Arbeit zu.

„Das tut mir sehr Leid,“ hörte ich ihn hinter mir sagen.

„Ja, mir auch,“ murmelte ich.

Nach etwa zehn Minuten trat er unbeholfen an meinen Tisch.

„Verzeihen Sie, wenn ich Sie wieder störe,“ begann er. Ich muss ihn offenbar unfreundlich angesehen haben, denn er schien mir plötzlich zerknirscht zu sein. Obwohl er keine Miene verzogen hatte. Komischer Typ.

Die Masche kannte ich tatsächlich noch nicht.

„Also, was wollen Sie? “ frage ich übertrieben geduldig.

„Ich, äh, ich… ich würde gern mit Ihnen kommunizieren. Ist das falsch?“

„Nicht unbedingt. Aber Sie sehen doch, dass ich zu tun habe.“

Ich raschelte mit den technischen Spezifikationen herum.

„Ja, eben darüber wollte ich mit Ihnen sprechen.“

Er strahlte mich erleichtert an. Und auch jetzt zeigte er keine Regung im Gesicht. Ich wusste nicht, was ich von ihm halten sollte. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm.

„Sie wollen mit mir über meine Arbeit sprechen? Wer sind Sie eigentlich?“

„O bitte! Bitte vergeben Sie mir. Nicht böse sein, bitte. Es ist nur so, ich bin nicht von hier. Und ich studiere die Menschen hier gewissermaßen, ich schaue ihnen zu, ihr Tun und ihre Beweggründe zu erforschen. Verstehen Sie?“

„Nein, nicht so richtig. Ich finde Sie, ehrlich gesagt, eigenartig.“

„Eigenartig finden Sie mich. Oh, das kommt, weil ich nicht aus dieser Gegend stamme. Ich möchte ja nur wissen, warum Sie hier im Café arbeiten, wo es doch dafür bestimmte Arbeitsplätze gibt. Das ist in Ihrem politisch-sozialen Umfeld so geregelt oder irre ich mich, das ist so re- gere-regelt-gelt…“ Er verhaspelte sich, so schnell hatte er gesprochen, stockte, legte die Hand vor den Mund und schaute nach oben an die Decke, wie um sich zu konzentrieren.

„Verzeihen Sie, verzeihen Sie.“

„Schon gut, ist ja nichts passiert.“

„Doch. Es ist passiert, was noch nie passiert ist, was gar nicht passieren darf, darf. Darf ich mich setzen?“

Ich wollte schon Ja sagen, überlegte es mir aber anders:

„Erst, wenn Sie mit der albernen Nummer aufhören.“

„Was für eine Nummer? Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Ich wollte nur höflich sein.“

„Ich sag ja gar nicht, dass Sie unhöflich sind. Aber hören Sie endlich mit diesem Theater auf. Das nervt langsam.“

Er setzte sich auf den Stuhl mir gegenüber.

„Verzeihen Sie.“

„Jetzt hören Sie schon auf!“ fuhr ich ihn gereizt an.

„Warum sind Sie aggressiv? Ich war doch nur höflich, damit provoziert man keinen Menschen. Sie dürften mir nicht böse sein. Warum sind Sie es dann trotzdem?“

„Machen Sie hier ein Experiment oder so was? Über Aggressivität oder Kommunikationsverhalten oder was weiß ich?“

„Das ist es!“ Er lächelte jetzt wirklich, wenn auch etwas gezwungen.

„Ein Experiment, ja, das klingt gut. Ein Projekt. Ich gehöre einem Projekt an. Wir untersuchen emotionsgesteuertes Verhalten und vergleichen es im Hinblick auf Vor- und Nachteile mit rein rational gesteuertem Verhalten.“

„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“

„Wie kommen Sie darauf? Der Austausch von so genannten Zärtlichkeiten gehört nicht zu unserem Studien-Design. Sie brauchen keine Angst zu haben.“

Ich starrte ihn eine Weile an. Sein Gesicht war wie eine perfekte Maske. Nicht die winzigste Regung, die mir gesagt hätte, ob er kaltblütig und beharrlich eine Rolle abspulte oder völlig durchgeknallt war.

„Sie zweifeln an meiner Glaubwürdigkeit,“ stellte er fest. „Das tut mir Leid.“

„Wieso entschuldigen Sie sich ständig?“ fauchte ich.

„Weil das eine rhetorische Demutsgeste ist, die im Allgemeinen Wohlwollen hervorruft. Nur bei Ihnen nicht…“

„Wenn Sie vorhaben, mich dazu zu bringen, Sie unkontrolliert anzuschreien, dann haben Sie es fast geschafft.“

„Es ist das erste Mal, dass unser Konzept nicht funktioniert. Und ausgerechnet mir muss das passieren. Sie ahnen gar nicht, was das für mich bedeutet. Mir ist die Teilnahme an dem Projekt als Bewährung gewährt worden. Wenn ich jetzt scheitere…“

„Mit kommen die Tränen.“

„Aber Sie weinen nicht. Warum sagen Sie es dann?“

„Weil ich nicht nach Schema F funktioniere. Ich bin ein Individuum. Jeder Mensch ist das. Und jeder reagiert anders, als das in Ihrer blöden Studie vorgesehen ist. Wer hat sich nur so’n Schwachsinn ausgedacht?“

„Immerhin wird das Projekt von unserer obersten Institution geleitet. Das ist so eine Art Regierung in ihrem Wahrnehmungsschema.“

„Was reden Sie eigentlich für einen Scheiß! Wer sind Sie und wer ist Wir?“

„Das darf ich Ihnen nicht sagen. Es unterliegt oberster Geheimhaltung. Ich habe ohnehin schon zu viel gesagt.“

„Wissen Sie was? Verschwinden Sie einfach. Mitsamt Ihren Experimenten und Wahrnehmungen und ihrer Institution und Geheimhaltung. Ich will damit nichts zu tun haben.“

Er stand auf, verbeugte sich steif und sagte förmlich: „Verzeihen Sie meine Unfähigkeit. Das ist alles sehr bedauerlich. Ich hätte wirklich gern mit Ihnen kommuniziert.“

Ich atmete erst auf, als er aus der Tür war.

Nach einiger Zeit stand er wieder an meinem Tisch. Ich hatte ihn nicht kommen hören. Er legte mir stumm eine Rose auf den Tisch. Eine perfekte rosafarbene Rose, halb geöffnet und duftend. Ich rang um Fassung. Nicht mal ein Danke brachte ich hervor. Schließlich nahm ich die Rose und schnupperte verlegen daran herum.

„Diese Blume gefällt Ihnen?“

Ich nickte.

„Dann ist wenigstens nicht alles verkehrt.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Warum sagen Sie jetzt gar nichts?“

„Weil ich gerührt bin, Sie Trottel,“ flüsterte ich. „Und fragen Sie bloß nicht, was ein Trottel ist. Sonst erwürge ich Sie.“

Er setzte sich mir wieder gegenüber und sah mich verwirrt an. Sein ebenmäßiges Gesicht wurde zwar immer noch nicht von einer Mimikfalte durchzogen. Aber sein Ausdruck war trotzdem verwirrt.

„Finden Sie nicht, dass Sie mir noch eine Erklärung schuldig sind,“ fragte ich nach einer Weile.

„Ich habe Ihnen alles gesagt,“ erwiderte er und seine Stimme zitterte etwas.

„Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie einen obskuren Regierungsauftrag haben. Von welcher Regierung überhaupt?“

„Ich habe Ihnen schon mitgeteilt, dass ich von …, dass ich hier fremd bin.“

„Und woher kommen Sie? Raus mit der Sprache.“

„Sie würden es mir sowieso nicht glauben.“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Also gut,“ er wurde leiser, „mein Name ist Sechs-mal-B-Quadrat und ich komme von PKX 21. Das ist ein Planet im Sternbild des Löwen.“

Ich war sprachlos.

Ich glaube, ich habe ihn noch mehrmals gefragt, ob er nicht ganz dicht sei, ob er mich verschaukeln wolle und ähnliches. Aber er blieb stur bei seiner Auskunft. B-Quadrat sowieso und der Planet, Sternbild Löwe. Als ob das nicht schon verrückt genug war, wollte er sich auch noch mit mir verabreden. Zum „Kommunizieren“.

So kann man’s auch ausdrücken, dachte ich und überlegte mehrere Möglichkeiten, ihn elegant loszuwerden. Aber nichts fruchtete. Am Ende gab ich nach und bestellte ihn für Übermorgen ins Café.

„In zwei Tagen,“ schärfte ich ihm ein. „Am Nachmittag, so wie heute.“

Er nickte eifrig. Und ich meinte, seine perfekte blasse Haut habe sich rötlich gefärbt. Das lag vielleicht auch nur an der Beleuchtung. Warmlicht-Röhren an der Decke.

 

Er war überpünktlich. Nachdem er sich gesetzt hatte, auf denselben Stuhl wie das erste Mal, schaute er mich erwartungsvoll an. Ich schlug vor, ins Kino zu gehen. Er war sofort einverstanden. Sicher wieder ein lohnendes Studien-Objekt, vermutete ich. Vielleicht in einen Science Fiction-Film? Er begriff die Ironie nicht und blieb ganz ernsthaft. Hinterher, als wir uns vom Strom der Zuschauer auf die Straße tragen ließen, fragte ich, ob ihm der Film gefallen habe. Niedlich, sagte er, rührend naiv.

„Und wie ist es dann wirklich bei euch? Erzählen Sie mal.“

Wir saßen bei einem Glas Rotwein zusammen (für ihn wiederum eine interessante Erfahrung), und er redete und redete. Schon vor Ewigkeiten hatten die Parakleoxenier, wie seine Leute sich nannten, einen deutlichen Sprung in der Evolution gemacht. Wir standen in deren Augen noch auf einer ziemlich primitiven Entwicklungsstufe (ich schluckte). Mein fremdartiger Freund fuhr ungerührt fort. Gefühle waren Schuld an allem Übel, das den Bewohnern zahlreicher Planeten das Leben zur Hölle machte.

Es gab also noch mehr Leben im All?

Die Unterbrechung brachte seinen Redefluss ins Stocken. Er versuchte, den Faden wieder zu finden.

„Sie sind nicht sehr höflich,“ sagte er.

„Ja, ja, tut mir Leid.“

Ich wiegelte ab. Es war inzwischen weit nach Mitternacht.

„Wir sind allein mit zwölf Planeten in regelmäßigem Kontakt. Dort leisten wir auch Aufbau-Hilfe, meist in den Bereichen soziales Verhalten und innovative Fortpflanzung. Die Erde ist unser 13ter Fall.“

Es würde sehr schwierig werden, das stünde schon nach dem ersten Eindruck fest. Lauter emotional bedingte Krisenherde, Kriege, Katastrophen. Darüber seien sie längst hinaus. Gefühle wurden pauschal weggezüchtet und ab erzogen. Nur so sei ein friedliches Miteinander möglich. Außerdem würde man enorm an Lebensenergie sparen, Gefühle verbrauchten davon einfach zu viel. Doch bei ökonomischem Umgang mit Lebensenergie könne man sehr viel älter werden.

„Wie alt sind Sie denn? Oder ist die Frage bei Ihnen ebenfalls unhöflich?“

„Ganz und gar nicht,“ er schien jetzt fast Charme auszustrahlen, „ich bin noch recht jung, 32 PKX-Jahre. Ein PKX-Jahr entspricht etwa vier Erdjahren.“

Hundertachtundzwanzig Jahre. Mir fiel keine Bemerkung dazu ein. Stattdessen drehte ich mein Weinglas in den Händen. B-Quadrat bestellte einen weiteren halben Liter.

„Wie muss ich mir das denn vorstellen?“ fragte ich ihn dann, „Sie leben alle gefühllos aneinander vorbei – ist das nicht schrecklich langweilig?“

„Aber nein. Jeder kann ja seine Talente entfalten und genau das tun, was ihm wirklich liegt. Das ist hier auf der Erde kaum der Fall, soweit ich es gesehen habe.“

„Tja. Und was hat es mit der innovativen Fortpflanzung auf sich?“

Ich beobachtete sein Gesicht. Keine Spur von Verlegenheit.

„Nun, das ist bei uns zeitlich genau festgelegt und wird ständig an die aktuelle Bevölkerungszahl angepasst. Da wir alle lange leben und vor allem sehr gesund sind – das wird halbjährlich mit einem speziellen Scan überprüft und in unseren Chip eingelesen–, brauchen wir nicht so oft Nachwuchs. Etwa alle zehn Jahre – “

„Was denn für ein Chip? Ist das so eine Art Ausweis?“

„Mehr als das. Jeder von uns bekommt nach der Reife in der Bruthöhle einen Chip eingepflanzt. Darauf sind biometrische Daten, Gesundheits­zustand, zelluläre und genetische Informationen, Hirnleistungsquotient, absehbare Begabungen und Fähigkeiten und so weiter gespeichert und werden ständig aktualisiert. Außerdem kann man uns damit überall und jederzeit orten. Wenn wir in Gefahr sind zum Beispiel.“

„Das heißt, Sie werden total überwacht? Und alles, was Sie betrifft, ist öffentlich zugänglich auf diesem Chip? Das ist ja grauenvoll.“

„Warum? Es ist die perfekte staatliche Fürsorge. Keinem von uns kann etwas Böses geschehen. Und wenn doch, sind unsere Rettungseinheiten innerhalb von Sekunden zur Stelle.“

Er bestellte noch einen halben Liter Wein.

„Aber Sie haben doch gar keine Freiheit, etwas selbst zu entscheiden, etwas spontan zu tun. Das hat doch nichts mit Leben zu tun…“

Ich war fassungslos. Das sollte die höchste Stufe der Evolution sein? Niemals. B-Quadrat, der beherrschte Parakleoxenier, hatte seine unnatürliche Ruhe verloren. Er zeigte Symptome, die auf eine höchst natürliche Aufregung hindeuteten.

„Dann schauen Sie sich doch mal an, was Sie Leben nennen. Ihr schlachtet euch gegenseitig ab in sinnlosen Kriegen, ihr werdet bei vermeidbaren Unfällen getötet oder verstümmelt, von Verbrechern ermordet, von unfähigen Staatsorganen eurer Würde beraubt. Ist das etwa besser?“

Wäre er ein normaler Mensch, hätte ich gesagt, er habe sich in Rage geredet.

„Ganz vernichtet haben Sie Ihre Gefühle wohl doch nicht,“ sagte ich spitz.

„Es scheint ansteckend zu sein. Je länger man sich auf der Erde aufhält, werden wohl unzivilisiertere Schichten aktiviert.“

Seine perfekte Aussprache klang schon leicht verwaschen.

„Vielleicht entpuppen Sie sich ja als ein ganz passabler Zeitgenosse.“

Ich prostete ihm zu.

„Es liegt sicher alles an diesem Getränk,“ murmelte er und leerte sein Glas.

„Wollen Sie noch was? Es wird bestimmt ein lustiger Abend.“

Mir selbst war der Wein schon in den Kopf gestiegen. Er kippte plötzlich mit seinem Kopf auf den Tisch und gab keinen Laut mehr von sich. Mit Mühe hievte ich ihn in ein Taxi und zu Hause aufs Sofa.

 

Als ich nach dieser Nacht in der Lage war, die Uhrzeit auf meinem Wecker zu entziffern, durchfuhr mich ein Schock. Fast Mittag. Ich musste doch unbedingt…die Übersetzung. Nein, das war ja gestern gewesen. Erleichtert ließ ich mich zurück in die Kissen fallen. Dann ein neuer Schock. Der Paraklox-Dingsda auf meinem Sofa. Ich stand mit dumpfen Kopfschmerzen auf, musste mich kurz hinsetzen und meine Orientierungsfähigkeit überprüfen und schlich dann auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer. Er lag da wie scheintot. Nur ein leiser Schnarchton verriet, dass er im Prinzip am Leben war. Kaffee, war mein nächster Gedanke. Ich entschied mich dann doch erst für eine Dusche. Zwanzig Minuten später stellte ich eine dampfende Tasse Kaffee mit Zitronenscheiben neben dem Sofa auf den Boden. Er rührte sich nicht. Beunruhigt ergriff ich sein Handgelenk, um den Puls zu fühlen. Da pulste zwar nichts. Aber immerhin war er noch warm. Wie auf Knopfdruck schlug er plötzlich die Augen auf und starrte sekundenlang auf mein Bücherregal an der Wand. Dann wanderten seine Augäpfel in sämtliche Himmelsrichtungen, während sein Kopf sich keinen Millimeter bewegte. Schließlich blieb sein Blick an mir hängen.

„Sie kenne ich, “ bemerkte er mit heiserer Stimme.

„Immerhin ein gutes Zeichen.“

Ich ließ sein Handgelenk los.

„Darf ich fragen, wo ich mich befinde?“

Da schwang leichte Panik mit.

„Bei mir zu Hause,“ sagte ich so beruhigend, wie ich konnte.

„Ich bin in Ihrem Wohnraum?? Wieso das?“

„Sie waren gestern nicht mehr ganz bei sich. Da blieb mir keine Wahl, als Sie hierher zu bringen.“

Er ruderte mit den Armen, setzte sich auf und stöhnte leise. Das Haar zerzaust, die Augen gerötet, der Anzug zerknittert – er sah aus wie jeder X-beliebige, der eine weinselige Nacht hinter sich hat. Und das rührte mich. Am liebsten hätte ich sein Haar noch mehr zerzaust. Aber ich wollte keine Missverständnisse. Andererseits…

„Wie war das eigentlich mit der innovativen Fortpflanzung, von der Sie gestern erzählt haben?“

Er schaute mich ratlos an, presste dann seine Fäuste gegen die Schläfen und verzog das perfekt geschnittene Gesicht zu einer Grimasse.

„Was war gestern?! Ich weiß nur noch, dass wir im Kino waren.“

„Filmriss. Sie Armer.“

Ich legte ihm meine Hand mitfühlend auf die Schulter.

„Sie hatten ein bisschen zu viel Wein. Kommen Sie,“ ich reichte ihm den Kaffee, „trinken Sie. Das vertreibt den Kater.“

Er nahm die Tasse und schaute sich um.

„Gibt es hier Tiere?“

Ich erklärte ihm, was gemeint war, was es mit Alkohol auf sich hatte und welche Folgen er für die körperliche Verfassung haben konnte. B-Quadrat sagte etwas, das ich nicht verstand. Wahrscheinlich seine PKX-Sprache. Dann legte er wie selbstverständlich den Kopf in meinen Schoß und schlief sofort wieder ein. Eine halbe Stunde lang wagte ich mich nicht zu bewegen. Meine Beine waren eingeschlafen, es zog im Kreuz, mein Nacken schmerzte. Behutsam brachte ich meinen Gast vom fremden Planeten wieder in die Waagerechte, legte ihm zwei Kissen unter den Kopf und eine Decke über die Beine.

 

Er verbrachte drei Tage bei mir. Es waren die schönsten meines Lebens. Dabei passierte eigentlich nichts. Er erlebte den menschlichen Alltag, Hausarbeit, Einkäufe, Spaziergänge und was man sich so im Fernsehen ansah. Und er lernte erstaunlich schnell. Tätigkeiten, die er eben noch mit Erstaunen betrachtet hatte, konnte er wenig später selbst ausführen, so als habe er nie etwas anderes gemacht. Er pflegte zwar immer noch einige absonderliche Ansichten und wollte sich partout nicht davon abbringen lassen. So fand er zum Beispiel, Lachen sei eine äußerst überflüssige Gefühls­äußerung. Bis er unbedingt allein einen Kuchen backen wollte. Ich assistierte ihm nur. Ein paar Zutaten fielen ihm herunter. Und während er sich danach bückte, stieß er an die Tischkante. Die Kuchenschüssel kippte, als er sich wieder aufrichten wollte, und der Rührteig lief ihm über Gesicht und Schultern. Ich holte einen Handspiegel, um ihm zu zeigen, wie komisch er aussah. Da brach es förmlich aus ihm heraus. Er lachte, bis ihm die Tränen liefen. Danach fiel mir um den Hals.

Um Punkt halb elf ging er abends schlafen (im Gästebett in meinem Arbeitszimmer) und stand morgens um Punkt halb acht auf. Dann war er hellwach und voller Tatendrang. Im Gegensatz zu mir, die ich noch lange im Bett las oder mir über meinen kleinen großen Prinzen Gedanken machte.

An einem Abend zögerte er kurz, bevor er ins Arbeitszimmer verschwand.

„Komm,“ sagte er, trat mit mir zum Fenster und zeigte mir seinen Stern.

„Siehst du die Kirchturmspitze? Geh zwei Fingerbreit nach links, da ist ein winziger Punkt von mittlerer Leuchtkraft. Das ist PKX 21.“

Ich bekam feuchte Augen. Gut, dass er das nicht sah.

Am vierten Tag war er schon wach, als ich aufstand. Er schien überhaupt nicht viel geschlafen zu haben, war unruhig und nervös. Auf meine Fragen brummte er nur etwas von Problemen. Beim Frühstück verlangte ich klipp und klar eine Antwort.

„Ich muss weg,“ sagte er ohne mich dabei anzusehen.

O nein. Nicht das. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Nicht das. Nicht er. So ein Typ ist er nicht. Aber vielleicht war dieses männliche Verhaltensmuster galaxis-übergreifend. „Tschüß, war nett mit dir, ich ruf dich an.“ Wie ich es hasste. Am besten schmeiß ich ihn sofort raus, dann tut’s nicht so weh, beschloss ich.

„Ist dir nicht gut?“

Ich riss mich zusammen und sagte so leichthin wie möglich:

„Nein, wieso? Alles in Ordnung.“

Dann sah ich wieder seinen ausweichenden Blick und fuhr ihn an:

„Warum musst du auf einmal weg?“

„Weil ich dich nicht in Gefahr bringen will. Sie sind wieder hinter mir her.“

Jetzt hatte ich genug.

„Was redest du da für einen Quatsch! Für wie blöd hältst du mich eigentlich!“

Er wand sich.

„Reg dich bitte nicht auf. Ich kann das jetzt nicht erklären…“

„Nein!! So kommst du mir nicht davon. Ich will jetzt alles wissen. Und wenn ich sage alles, dann meine ich alles.“

Er schaute mich gequält an. Dann berichtete er knapp. Er war aus der Reihe getanzt. Schon als Kind hatte er sich trotz Chip und besten Prognosen auffallend anders benommen, als es in den PKX 21- „Kindergärten“ üblich war. Er hatte sich eine Puppe aus Stahldrähten und Kleidungsresten gebastelt, die er als seinen jüngeren Bruder bezeichnete, überall mit sich herumtrug und heiß und innig liebte. Auf PKX ein gewaltiges Problem, denn es gab weder Geschwister noch Liebe. So galt er als schwer erziehbarer Außenseiter, kam in eine Art Besserungsanstalt mit allem technischen Schnickschnack, der für uns noch nicht einmal als Zukunftsmusik bekannt war.

Als er erwachsen war, drohte man ihm mit einem Umerziehungslager auf einem der beiden PKX-Monde, wenn er sich nicht endlich einfügte und seine provokativen Gefühlszustände aufgab. So hatte er gelernt, sich perfekt zu verstellen. Die Mission auf der Erde sollte so etwas wie eine Feuertaufe sein. Er musste beweisen, dass er auch unter Massen chaotischer und gefühlduseliger Menschen nicht rückfällig wurde. Allerdings hatte es nicht funktioniert.

„Als ich dich in dem Café gesehen habe,“ sagte er, und sein Blick wurde ganz sanft, „als ich dich angesprochen habe, geschah das aus einem spontanen Impuls heraus. Und spontane Impulse darf es bei uns nicht geben.“

„Und woher kam dieser spontane Impuls?“ fragte ich atemlos. Er schob den Brötchenkorb beiseite und ergriff meine Hand.

„Du hast mir gefallen,“ erwiderte er schlicht. „Ich war sofort fasziniert von dir. Diese Gefühlsskala, diese ständig wechselnden Emotionen, als wir miteinander sprachen, das war phantastisch.“

Jetzt redet er schon wieder Unsinn, dachte ich. Aber es ging mir runter wie Öl. Gnade mir Gott, ich hatte mich verliebt.

Was denn mit den Leuten wäre, die hinter ihm her seien, wollte ich wissen.

Er wurde blass und ließ meine Hand los.

„Ich kann nicht bleiben, es ist zu gefährlich.“

Er stand auf und ging in den Flur. Ich stürzte hinterher und hielt ihn fest.

„Wo willst du denn hin! Draußen ist es doch viel gefährlicher!“

Er riss sich los.

„Die können jederzeit hier eindringen. Dann stößt dir womöglich noch etwas zu.“

„Das ist mir egal. Wenn wir wirklich nicht mehr viel Zeit haben, dann lass sie uns wenigstens gemeinsam verbringen.“

Ich redete weiter wie mit Engelszungen auf ihn ein. Und er blieb.

 

Den ganzen Nachmittag erzählte er von den gar nicht so friedlichen Seiten seiner Gesellschaft und hielt mich dabei fest im Arm. Ich durfte im Nacken kurz unter dem Haaransatz die winzige Narbe ertasten. Dort war der Chip implantiert.

„Warum lässt du ihn nicht herausoperieren? Dann findet dich deine Bande nicht mehr.“

„Dazu ist es zu spät. Es handelt sich bei denen um eine PKX-Eliteeinheit. Eine Super-Polizei. Die haben den Chip längst angepeilt. Er sendet Alarmsignale aus, die ich nicht stoppen kann.“

„Und warum nicht? Ist das nur so, weil du mich kennen lernen wolltest?“

„Es gab eine technische Störung im Chip. Die habe ich ausgenutzt, um … äh, um unterzutauchen. Das Dumme ist nur, der Chip hat eine Selbst-Reparatur-Funktion. Innerhalb von Stunden oder Tagen ist die Störung beseitigt. Dann muss man sich wieder bei einem Leitenden Funktionär einloggen. Das habe ich nicht getan.“

„Du hättest die Zeit doch nutzen können und ihn herausschneiden lassen.“

„Das habe ich vergessen. Ich hatte nur noch dich im Sinn. Das war alles sehr ungewohnt für mich.“

Ich warf ihm ein Sofakissen an den Kopf. Dann küsste ich ihn.

„Was war das?“ fragte er erstaunt.

„Ein Kuss.“

„Ein Kuss? Sehr entspannend.“

„Das will ich hoffen. Übrigens, wie ist das denn nun mit eurer ultimativen Fortpflanzungsmethode?“

Er legte den Kopf auf die Sofalehne und dozierte.

„Wenn die Institution für Bevölkerungswachstum es für angebracht hält, werden Paare, die sich im Chip-Vergleich als optimal kompatibel erweisen, einbestellt. Beiden wird per Kanüle ein Ei respektive etwas Samenflüssigkeit entfernt. Das geht schnell und ist völlig schmerzfrei. Es dauert höchstens fünf Minuten.“

„Und dann?“

„Dann kommen die Extrakte in einen Brut-Globus. Dort herrschen optimale Bedingungen zum Heranreifen.“

„Und Sex kennt ihr gar nicht?“

… … … … …

(c) Swantje Naumann 2009

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Anthologie „Loving Aliens“