Eiskalt erlegt

Nach fast vierzigjähriger Ehe ergriff Mrs. Janet Ackroyd die tiefgekühlte Hirschkeule, die sie soeben aus dem Gefrierschrank geholte hatte, und erschlug ihren Mann. Mr. Ackroyd hatte sich, wie jeden Morgen, missmutig schweigend hinter seiner »Sun« verschanzt und studierte gerade die Fußballergebnisse. Er sank mitsamt der aufgeschlagenen Zeitung lautlos nach vorn und vergrub Papier und Gesicht in einem Teller voll knusprigen Specks mit Rührei. Mrs. Ackroyd legte die Hirschkeule in einen Bräter, übergoss das Ganze noch mehrmals mit selbstgemachter Pontack-Sauce nach einem alten Rezept Ihrer Mutter, schob den Braten in den Ofen und stellte bei niedriger Temperatur auf Umluft.

 

Dann schlüpfte sie in ihren Mantel, nahm Hut und Handschuhe, ließ die Tür von der Küche in den hinteren Garten einen Spalt offen stehen und ging, um ihre täglichen Besorgungen zu machen. Es war gegen neun Uhr fünfzehn an einem Dienstag Ende September, als sie das niedrige rote Ziegelstein-Haus mit dem Erkerfenster neben der Eingangstür in der Gosbrook Road Nummer 17 in Caversham, einem Vorort von Reading, verließ. Eine adrett gekleidete, ältere Dame mit offenen, wässrig-blauen Augen, fein ondulierten, silbrigen Haaren und einem resoluten Schritt. Die Nachbarin Mrs. Merryweather, die gerade in dem winzigen Vorgärtchen verwelkte Rosenblüten abschnitt, grüßte freundlich. Mrs. Ackroyd antwortete mit ein paar gleichfalls freundlichen Floskeln über das viel zu kühle Spätsommerwetter und ging die Gosbrook Road einige hundert Yards entlang, bis sie einen Bogen nach links beschrieb. Ab hier hieß sie Church Street. Und genau hier befand sich die Filiale der »Waitrose«-Supermarktkette, in der Mrs. Ackroyd ihre Einkäufe zu tätigen pflegte. Die einzelnen Bedarfsartikel im Supermarkt zusammenzusuchen, nahm etwa eine halbe Stunde in Anspruch. Die Kassiererin Molly wünschte ihr liebenswürdig einen schönen Tag, woraufhin Mrs. Ackroyd sich ebenso liebenswürdig bedankte und sich eingehend nach Mollys beiden Kindern erkundigte.

 

Auf dem Rückweg hielt sie noch ein Schwätzchen mit einer Bekannten aus der Patrick Road, die schräg gegenüber dem Haus der Ackroyds abzweigte. Als sie gegen elf ihr Haus wieder erreichte, fand sie einen Polizeiwagen vor dem Eingang vor und einen tief erschütterten Freund ihres Mannes aus dem Active Retirement Club, der Institution für aktive Senioren in Caversham, mit dem Mr. Ackroyd regelmäßig an Dienstagen vormittags Schach spielte. Er hatte den Toten gefunden.

 

Nachdem ihm niemand auf sein Läuten geöffnet hatte, war ihm die Nachbarin Mrs. Merryweather zu Hilfe gekommen und hatte ihn durch ihr Haus in den hinteren Garten geführt. Von dort aus gelangte man in den Garten der Ackroyds. Durch die angelehnte Küchentür war er ins Haus geschlüpft. Sein lauter Aufschrei hatte Mrs. Merryweather alarmiert, die nun ihrerseits in die Küche der Ackroyds spähte und, nach einem kurzen Augenblick des Schocks, einigermaßen gefasst die Polizei rief.

 

Es waren drei uniformierte Polizisten, einer davon weiblich, und ein Mann in Zivil, die Mrs. Ackroyd an der Haustür gegenüber standen. Die Polizistin, eine junge, sportliche Frau mit blondem Pferdeschwanz, nahm ihr fürsorglich die Einkaufstasche ab, führte sie am Arm ins Wohnzimmer und drückte sie sanft auf eins der beiden geblümten Sofas.

»Was ist denn passiert?«, fragte Mrs. Ackroyd sichtlich verwirrt und schaute die Polizistin ängstlich an.

Die stellte sich zunächst als Police Sergeant Liz Carmichael vor und erklärte ihr dann behutsam, was ihrem Mann zugestoßen sei.

»Dan kann doch nicht sein«, stammelte Mrs. Ackroyd mit zittriger Stimme. »Er war doch vorhin, als ich ging, noch bei bester Gesundheit.«

Nun trat der Zivilbeamte hinzu, ein leicht übergewichtiger Mann um die Vierzig, mit schütterem, rotblonden Haar und einem rundlichen Gesicht voller Sommersprossen.

»Wann haben Sie das Haus denn heute morgen verlassen?«, fragte er in beruhigendem Ton.

Mrs. Ackroyd wandte sich ihm zu: »Und wer sind Sie, junger Mann?«

»Ich bin Detective Inspector Bartholomew, Criminal Investigation Department Reading, Local Police Area, Mrs. Ackroyd«, sagte er und setzte sich ihr gegenüber. »Meinen Sie, Sie könnten …«

»Ist er wirklich ermordet worden?«, fragte Mrs. Ackroyd fassungslos.

 

… … …

© Swantje Naumann

 

aus: Küsschen vom Tod

Coming soon