Begegnung II

 

Kürzlich traf ich den Lieben Gott am Hauptbahnhof. Wir hatten die große Halle ganz für uns. Bahn-Chaos. Wegen akuter Personalprobleme fuhren schon seit Tagen wieder mal keine Züge mehr. Eine gute Gelegenheit für einen ungestörten Plausch. »Plausch« war tatsächlich das Wort, das er benutzte: »Lassen Sie uns hier doch einen Cappuccino trinken und einen kleinen Plausch halten«, sagte er und rückte mir galant einen Bistrostuhl im Bahnhofsimbiss zurecht. Er selbst nahm mir gegenüber Platz.

Das Licht fiel in schrägen Strahlen durch die Fenster der Kuppel in die Halle und verlieh ihr etwas Sakrales.

»Merkwürdig«, sinnierte er, während er den Blick über die menschenleeren Bahnsteige schweifen ließ, »merkwürdig, dass ihr eure Verkehrsknotenpunkte wie Kirchen oder Tempel gebaut habt.«

»Stört Sie das?«, fragte ich und rutschte auf der Sitzfläche ein Stück nach vorn.

»Aber nein, nicht im Geringsten«, sagte er und lachte glucksend in sich hinein.

Ich war beruhigt. Mir fiel eine Kollegin ein, mit der zusammen ich im Petersdom in Rom gewesen war. »Wie ein gigantischer Bahnhof«, hatte sie gesagt, »prachtvoll, aber schon irgendwie Gottes Bahnhofshalle.« Ich erzählte ihm davon.

»Schöne Idee«, sagte er. »Gefällt mir. Ich bin überhaupt gerne auf Bahnhöfen. Hat was von Aufbruch. Reisen ist ja auch immer Weiterentwicklung, Reifen, Wachsen, Grenzüberschreitung …«

»Das klingt wie aus einem Coaching-Seminar«, warf ich spöttisch ein.

»Und wenn schon. Glauben Sie, ich müsste mich nicht weiterentwickeln?«, rief er.

»Aber«, ich suchte nach Worten, »aber …, Sie sind doch perfekt und absolut …«

»Ja, ja, was ihr euch so vorstellt in euren kleinen Köpfen.« Er holte tief Luft. »Aus allem, was ihr nicht so genau versteht, macht ihr einen wabernden Wahnwitz. Von wegen Schöpfungsmythos und so. Das ist alles harte, ehrliche Arbeit. Sehr harte Arbeit sogar.«

»Und alles für die Katz«, fügte er leiser hinzu.

Ich schwieg. Er schüttete ein ordentliches Häufchen Zucker auf seinen Cappuccino und sah zu, wie es allmählich im Milchschaum versank. Dann rührte er um, langsam und präzise. Siebenmal.

»Was meinen Sie, wie schwer es war, eine einigermaßen funktionierende Lebensform zu konstruieren?«, fuhr er fort. »Eine, die sich anpassen kann, aber auch eigenständig ist, die Intelligenz und Entwicklungspotential hat. Der man was zutrauen kann. Alles gar nicht so einfach. Wenn ich noch an die ersten missglückten Versuche denke. Diese albernen Einzeller. Pantoffeltierchen. Possierlich, aber darüber ging es nicht weit hinaus. Wasserflöhe. Überhaupt dieses ganze Meeresgetier. Machte im fortgeschrittenen Stadium ja einen ganz netten Eindruck: Seegurken, Kraken, Quastenflosser, Rochen, Haie …«

Vereinzelte Reisende wanderten mit ihren Rollkoffern vorbei, blieben dann ratlos vor den Anzeigetafeln stehen. Menetekelgleich blinkte dort ein vielfaches »Kein Zugverkehr« auf sie herab. Resigniert wandten sich die meisten wieder zum Gehen.

»Hatten Sie denn von Anfang an so etwas wie die Menschen geplant?«, fragte ich.

»J-ein«, gab er zögernd zurück. »Wissen Sie, das Fischzeug reichte mir einfach nicht. Das ist mal klar. ’n bisschen aufregender sollte es schon sein. Nur, stellen Sie sich den Aufwand vor, die Viecher erst mal an Land zu kriegen! Herz-Lungenkreislauf, komplexe Energieversorgung in den Zellen, diverse Ernährungsmodelle und und und. Die Umgebungsbedingungen mussten stimmen. Stimmten aber auf Dauer nicht. Mal war die Atmosphäre nicht zuträglich, mal wurden die Temperaturen zu extrem. Lauter Katastrophen. Und immer wieder neu anfangen.«

Er hielt einen Augenblick inne und seufzte gedankenverloren.

»Kostet Kraft, sage ich Ihnen, Kraft und Nerven. Ach, und irgendwann war dann mal alles zu groß geraten: Sie wissen schon, diese Riesenechsen, die ihr Dinos nennt. Was ihr daran bloß imposant findet. Reine Fehlentwürfe. Schon wegen der schlechten Energiebilanz. Ungünstiges Verhältnis von Körpergröße zu Nahrungsangebot. Zu starres Skelett, zu unbeweglich in den Wirbeln. Da musste was Geschmeidigeres her. Also noch mal von vorn – und ein paar Nummern kleiner: Affen, Hominiden, Neandertaler, Lucy aus Afrika et cetera pp. Habt ihr ja alles rekonstruiert, fleißig und wissbegierig wie ihr seid. Nur: Was ihr dabei geflissentlich überseht … «

Er lächelte hintergründig. Ich fühlte mich plötzlich unbehaglich und rührte nervös in meiner Tasse.

»Mal ganz unter uns … «, er senkte verschwörerisch die Stimme, » ihr befindet euch noch voll im Versuchsstadium. Prognose eher negativ. Muss ich leider so offen sagen.«

Ich schluckte. »Hab ich mir schon fast gedacht«, murmelte ich dann.

»Nehmen Sie’s nicht persönlich. Ihr seid einfach, … wie soll ich sagen?, … zu wartungsintensiv. Da läuft viel zu viel aus dem Ruder. Ich meine, dass ihr eure gemeinsame Umwelt dauernd versaut – geschenkt. Ihr werden schon sehen, was ihr davon habt. Was soll man jemandem sagen, der den Ast absägt, auf dem er sitzt?! Bei der Lernfähigkeit müsste nachgebessert werden, da ist noch Luft nach oben. Aber das ist ja eben nicht alles.«

Zwei Anzugträger mit metallic schimmernden Hartschalen-Trolleys starrten ungläubig auf die Leuchtschrift der Anzeigetafel und machten ihrem Frust dann lautstark Luft. Nach einer Weile ratterten sie energisch auf den Infostand zu und überschütteten den einsamen Angestellten mit Beschimpfungen. Der machte ein paar hilflose Beschwichtigungsversuche und blaffte schließlich genervt zurückt.

»Da! Schaun Sie sich das an!«, rief er und zeigte auf die Szene der drei Aufgebrachten. »Affektkontrolle gleich Null. Immer diese Respektlosigkeit. Diese sinnlosen Aggressionen! Das geht mir gewaltig auf die Nerven.«

Die drei Männer am Infostand waren inzwischen im Begriff gewalttätig zu werden.

»Was habe ich gesagt?«, stöhnte er. »Purer Selbstvernichtungswille.«

»Ja, ja«, sagte ich sarkastisch. »Es ist keine Liebe mehr unter den Menschen.«

»Stimmt«, sagte er trocken. »Genau das war von Anfang an das Problem. Da hat man endlich ein paar halbwegs geeignete Geschöpfe hingekriegt. Körperbau, Anpassungsfähigkeit okay; Entwicklungsmöglichkeiten, Intelligenz, alles im grünen Bereich. Und dann gehen die sich doch ständig gegenseitig an die Gurgel, statt sich ihrer Existenz zu erfreuen und friedlich und fruchtbar zu mehren.«

»Na, das zumindest hat ja funktioniert, wenn man an die Überbevölkerung denkt«, sagte ich.

»Ach was, das Thema ließe sich ja noch leicht in den Griff kriegen«, antwortete er mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Was mich wurmt, ist vielmehr dieser Größenwahn. Da fangen diese Dilettanten doch gleich an, einem ins Handwerk zu pfuschen, also nee. Zu behaupten, ihr hättet die Weisheit mit Löffeln gefressen. Und wer was anderes denkt, ist der Feind. Nichts wisst ihr, gar nichts!«

Er hatte sich richtig in Rage geredet.

»Da haben Sie schon recht«, pflichtete ich ihm bei. »Es gibt zu viele selbstherrliche Arschlöcher.«

»Hübsch formuliert.« Er kicherte amüsiert. »Aber im Ernst. Das Experiment ist bedauerlicherweise schon wieder gescheitert. Hilft nix. Für mich ist es bloß Künstlerpech, aber für euch … Tut mir wirklich leid.«

»Und es gibt keinen Ausweg, keine Rettung?« fragte ich.

»Also, ich bitte Sie! Ihr hattet eure Chance. Immerzu und immer wieder. Und was habt ihr draus gemacht?« Er schüttelte missbilligend den Kopf.

»Aber es gibt doch auch gute, fromme …«, begann ich zaghaft.

»Meine Güte. Ja. Manchmal ist es sogar süß, was ihr euch da so zusammenreimt. Gebe ich zu. Wirklich süß. Aber meistens ist es ärgerlich. Und inzwischen bin ich nur noch sauer. Wozu ich alles herhalten muss! Willkür und Unrecht sind doch die Regel und nicht die Ausnahme. Und alles in meinem Namen, tssss. Mein guter Name! Was für eine Anmaßung!

Dabei hat das nun gar nichts mit meiner Absicht zu tun. Das ist ganz allein auf eurem Mist gewachsen. Und Mist, ja, Mist ist das! Als ob es mich interessiert, ob ihr mich nun Allah, Jehova, Deus, Gott oder sonst wie nennt. Und sich dann noch so rechthaberisch aufführen. Das wäre ja so, als ob eine Opernfigur, nehmen wir mal an aus der ,Zauberflöte‘, als ob die plötzlich sagte, mein Komponist, der heißt gar nicht Mozart, der heißt eigentlich Müller.« Er gab er seiner Stimme einen übertrieben dramatischen Tonfall: »Und wer was anderes behauptet, den mache ich kalt, badabamm, badabamm!«

Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: »Ja, wo kommen wir denn da hin?«

Die drei Aufgebrachten am Infostand ordneten ihre vom Handgemenge derangierte Kleidung. Einer der beiden Koffermänner tupfte sich die blutende Nase ab.

Mein Gegenüber beobachtete sie eine Weile mit hochgezogenen Brauen. Dann wandte er sich achselzucken ab: »Immer diese sinnfreien Aktivitätsschübe mit destruktiver Komponente. Ich kann das nicht mehr ab. Aber lassen Sie mal, ich hab da schon was in Planung, was ganz Großes.« Sein Blick schweifte über mich hinweg ins Ungefähre. »Und diesmal sollte es klappen.«

»Und was, verraten Sie natürlich nicht«, sagte ich bitter.

»Nee, natürlich nicht«, gab er vergnügt zurück und lachte wieder glucksend in sich hinein.

»Herrschaftswissen, was?«, versuchte ich zu frozzeln.

»Sagen wir lieber: Betriebsgeheimnis.« Er zwinkerte mit zu, griff nach der Papierserviette und tupfte sich sorgsam den Mund ab.

»Apropos Betriebsgeheimnis«, sagte ich. »Haben Sie eigentlich keine Angst, dass wir noch aufholen?«

»Aufholen? Was denn aufholen?«, fragte er mit gespieltem Erstaunen.

»Unsere Wissenschaftler haben doch das Gottesteilchen gefunden, das nun erklären soll, was die Welt im Innersten zusammenhält. Oder sie sind kurz davor, es zu finden.«

»Ach ja? Sind sie das?« Um seine Mundwinkel zuckte es ironisch.

»Ja, so ein Dingsbums-Boson, das die Entwicklung vom Urknall zur Materie erklärt oder so. Jedenfalls suchen sie danach.«

»Na, dann sucht mal schön weiter«, lächelte er hintergründig. Genüsslich schleckte er den Rest Milchschaum aus seiner Tasse und lehnte sich entspannt zurück.

Plötzlich zuckten wir beide zusammen. Ein ungewohntes Geräusch dröhnte durch die Halle. Ein Zug fuhr ein. Tatsächlich: ein Zug.

»Oh!«, rief er. »Das kommt mir sehr gelegen. Da fahr ich gleich mit.«

Schon war er aufgesprungen und verneigte sich galant: »Hat mich trotzdem sehr gefreut. Und, wie gesagt, nicht persönlich nehmen. Es iss nu mal, wie’s iss.«

Er hob entschuldigend die Hände, lächelte noch einmal sein seltsames Lächeln und eilte dann erstaunlich leichtfüßig zum Bahnsteig.

»Aber Sie wissen doch gar nicht, wohin der fährt!«, rief ich ihm nach.

»Macht nichts«, erwiderte er und winkte mir über die Schulter zu. »Er kommt schon dort an, wo ich hin will. Glauben Sie mir.«

Ein reizender alter Herr. Wirklich. Oder?

 

Für Hanns Dieter Hüsch

In memoriam

© Swantje Naumann 2013